Die Anfänge der Deutsch-Irischen Gesellschaft in Bonn

Die 1953 in Bonn von dem Keltologen Prof. Dr. Rudolf Hertz gegründete Deutsch-Irische Gesellschaft e. V. zog aus den Schwierigkeiten, in die die stark politisch geprägte Berliner Deutsch-Irische Gesellschaft geraten war, u. a. die Konsequenz, sich in der Satzung vom 7.12.1953 ausschließlich auf die „Förderung der persönlichen und kulturellen Beziehungen“ festzulegen. Nach dem Tode von Prof. Hertz erhielt die Gesellschaft einen neuen Anstoß vom Bonner Colloquium Humanum und seinem Gründer, Ministerialrat Dr. Oskar Katzenberger, der ihr zu neuem Leben und einer neuen Satzung verhalf. Diese Satzung hat die Arbeit der letzten 50 Jahre geprägt und gilt in ihren wesentlichen Inhalten noch heute. Die Gesellschaft dient

  • der Erweiterung und Vertiefung von Verbindungen der Angehörigen des deutschen und des irischen Volkes,
  • dem Kulturaustausch und
  • wissenschaftlichen und humanitären Zielen.
Das sind hehre Ziele, umfassend und bewusst allgemein formuliert, um auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zeit reagieren zu können. Doch wie sieht die „Satzungswirklichkeit“ aus? Was tut die Deutsch-Irische Gesellschaft e. V. Bonn ganz konkret? Im folgenden wird an einigen Punkten deutlich, welche Ziele wir verfolgen und wie wir sie in unserer praktischen Arbeit umsetzen.

Was will die Deutsch-Irische Gesellschaft erreichen - und was nicht?

Die Deutsch‑Irische Gesellschaft Bonn e.V. ist ein als gemeinnützig anerkannter, eingetragener Verein mit ca. 80 Mitgliedern. Zu diesen Mitgliedern laden wir noch zu jeder Veranstaltung zusätzlich Gäste ein, die Irland nahe stehen oder die aus dem einen oder anderen Grunde für die Gesellschaft wichtig sind (z. B. Journalisten, Diplomaten, Multiplikatoren aus Schule und Hochschule). Im Jahr führen wir in der Regel sieben Veranstaltungen durch, zu denen wir mit persönlichen Einladungen und über den Tageskalender in der Lokalpresse einladen.

Die Veranstaltungen finden in lockerer Folge statt. Eine feste Jahresplanung besteht nicht, wohl aber ein Programm, das bei Bedarf verändert werden kann, um flexibel auf Möglichkeiten für Veranstaltungen zu reagieren. An unseren Veranstaltungen nehmen in der Regel 30 bis 50 Leute teil.

Der Jahresbeitrag unserer Gesellschaft beträgt z.Zt. 40,00 €; Schüler, Azubis und Studenten zahlen 15,00 €, Familien 60,00 €. Da viele unserer Mitglieder über den festgesetzten Beitrag hinaus Spenden überweisen, können wir unsere Veranstaltungen angemessen finanzieren. Der Eintritt zu unseren Veranstaltungen ist grundsätzlich frei und für alle offen.



Was wollen wir mit unseren Veranstaltungen bewirken?

Wir wollen Irland zeigen als ein modernes europäisches Land, als einen Partner in der EU, der eine sehr schwierige Geschichte, ein reiches Kulturerbe, eine faszinierende Landschaft und liebenswerte Bewohner hat. Wir haben aber auch keine Angst, dass uns der „keltische Tiger“ beißt, der in vielem für uns beispielhaft sein kann. Wir sind skeptisch Darstellungen gegenüber, die Irland als „Aussteigerland“ zeigen, weil wir von Aussteigern, die der irischen Sozialhilfe zur Last fallen, wenig halten, wohl aber viel von „Einsteigern“, die z. B. neue Ideen nach Irland bringen, sei es im wirtschaftlichen Bereich, sei es im Bereich ökologischer Landwirtschaft - kurz gesagt: die Irland nützen.



Irland ist für uns kein Gegenbild zur Bundesrepublik Deutschland wie in Heinrich Bölls ,Irischem Tagebuch’, sondern ein Partnerland, mit dem wir sehr viel in Vergangenheit und Gegenwart gemeinsam haben. Wir möchten keine Irlandtümelei ‑ nach dem Motto "in Irland ist alles gut, bei uns ist alles schlecht" ‑ aber auch nicht oberlehrerhaft gute Ratschläge erteilen ‑ nach dem beliebten Spiel "hier müsste man aber mal" oder "wenn ich hier zu sagen hätte".



So wichtig und gut die Tourismusindustrie für Irland auch ist ‑ auch die deutschen Regionen werben nicht mit Maschinenbau und chemischer Industrie um Besucher – für uns ist Irland mehr als Connemara, Guinness und Folklore.

Viele Aspekte irischen Lebens sind in Deutschland sehr wohl im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Was Sympathie für ein Land angeht, ist Irland immer ein Selbstläufer. Aber auch die sachliche Berichterstattung ist in den letzten zehn Jahren erheblich besser geworden, z. T. ausgezeichnet, auch wenn sie in der Regel noch von Londoner Büros wahrgenommen wird. Ich nenne nur als ein Beispiel die Berichte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Viele irische Produkte verkaufen sich dank guten Marketings in Deutschland sehr erfolgreich. Aer Lingus, Ryan Air, Kerrygold, Jameson, Die Dubliners, U2, The Irish Folk Festival oder Sinead O'Connor ‑ um nur einige zu nennen ‑ brauchen keine Deutsch-Irischen Gesellschaften, um sich gut zu vermarkten.

Wir freuen uns, dass die irische „Pub‑Kultur“ in Deutschland so erfolgreich ist, versuchen aber zu zeigen, dass irische Kultur eben doch einen größeren Rahmen als den Pub und das Trinken hat.



Die Oberfläche des landläufigen, durchaus positiven Irlandbildes versuchen wir zu durchstoßen und immer wieder neue oder weniger bekannte Aspekte irischen Lebens zu zeigen, die kaum oder gar nicht bzw. nur Eingeweihten bekannt sind.

Wir versuchen also mit unserem Programm bei der Darstellung Irlands Nischen zu finden, die im großen Irlandbild nicht auftauchen, verzerrt sind oder der Ergänzung bedürfen.

Das Vortragsangebot, zumeist von namhaften Wissenschaftlern oder Sachkennern bestritten, ist daher vielfältig. Es umfasst in bunter Folge Themen der vor- und frühgeschichtlichen Entwicklung, der altirischen Sagenwelt, des gegenseitigen Kulturaustauschs im Mittelalter, der keltologischen Forschung, des Kunstschaffens, der Literatur, der Folklore, der wechselvollen Geschichte bis hin zu Themen des Tagesgeschehens und der wirtschaftlichen Entwicklung.



Besonderes Interesse richtet sich dabei auf Bereiche des Hinüber und Herüber.

Als Beispiele können genannt werden: Pfälzer in Irland; Fürst Pückler in Irland; William Thomas Mulvany, Pionier des Ruhrgebiets; der Fall Roger Casement; die tragische Geschichte des Hauptmann Goertz im 11. Weltkrieg, Irland und Europa im Mittelalter; Vorträge zu Irlands Rolle in der EWG, EG und EU; deutsche Keltologen; Kuno Meyer; und viele andere Themen.



Wir legen Wert darauf, nur Vortragende für unsere Veranstaltungen zu gewinnen, die in ihrem Arbeitsbereich und im Hinblick auf Irland kompetent sind. Auch hier nur einige Namen für viele:

Die Schriftsteller Seán O'Faoláin, John Banville, John McGahern, Enno Stephan, Eva Bourke, Moya Cannon, Rita Higgins, Alice Taylor und Phil O'Keefe. Die Literaturwissenschaftler Heinz Kosok, Klaus Lubbers, Rüdiger Imhof, Grattan Freyer, Maurice Harmon, Johannes Rathofer, Anton von Euw, Stanley Weintraub; die Keltologen Julius Pokorny, Patrick Ryan, Heinrich Becker, Garold MacEoin, Seán 0'Lúing, Brian O'Keane und Walter Fitzgerald; die Historiker Peter Harbison, Otto Kleemann, Raymund Kottje, Ludwig Bieler und viele andere. Wie unschwer zu sehen ist, laden wir auch immer wieder irische Wissenschaftler und Künstler ein. Damit geben wir unseren Mitgliedern und Freunden die Gelegenheit, Iren persönlich zu erleben, bieten aber auch irischen Gästen die Möglichkeit, ihr deutsches Publikum direkt anzusprechen und kennenzulernen.

Vor allem versuchen wir, jungen Künstlern und Wissenschaftlern ein Forum für ihre Veröffentlichungen und ihre Kunst zu geben. Hier nenne ich nur einige Namen: Den Pianisten Finghin Collins, den Sänger Robin Tritschler, den Gitarristen Aran Corcoran, die Sängerin Julia Canavan, aber auch deutsche Wissenschaftler wie Axel Klein, Gisela Holfter oder Dirk Ansorge. Da wir die irischen Gäste in der Regel in unseren Familien unterbringen, fördern wir interessante Begegnungen und oft auch neue Freundschaften.



Neben den Veranstaltungen versucht die Gesellschaft, die persönliche Begegnung zwischen Deutschen und Iren auch durch Studien- und Erlebnisreisen nach Irland zu fördern, die wir seit einigen Jahren unter kompetenter Leitung durchführen. Begegnungen mit Iren vor Ort führen zu einem etwas differenzierteren Irlandbild. Dabei werden die Reiseziele intensiv unter verschiedenen Aspekten im wahrsten Sinne des Wortes „erfahren“. Nicht "Rund um Irland in fünf Tagen" ist das Motto, sondern z. B. „William Butler Yeats und Sligo“ oder „Auf den Spuren von St. Columcille in Donegal“. Natürlich stehen bei solchen Fahrten auch immer Theaterbesuche und Begegnungen mit Vertretern Irlands vor Ort auf dem Programm.



Verbindungen zwischen Deutschen und Iren fördern auch Schulpartnerschaften, Schüleraustausch und Studienfahrten nach Irland. Davon sind ja nicht nur die direkt Betroffenen berührt, sondern solche Begegnungen ziehen Kreise: Klassen, Schulen, Familien, Freunde und Gemeinden werden mit in die deutsch-irischen Begegnungen einbezogen.

Dadurch und auf manch andere Weise wirken unsere Mitglieder und Freunde in ihr Umfeld hinein, indem sie das bei uns Gehörte und Gesehene weitergeben. Begeisterte Mitglieder leisten unentwegt Sympathie- und Aufklärungsarbeit, werden zu „Experten“ und um Rat gefragt, haben bei den Menschen letztlich dann doch mehr Autorität als die Medien, weil man sie für glaubwürdiger hält.



Unserer Arbeit zugute kommt auch der Kontakt zur Botschaft, der aber weniger institutionell organisiert ist als vielmehr auf vielen freundschaftlichen Beziehungen beruht, die wir über Jahre mit den irischen Diplomaten pflegen. Dabei ist es natürlich nützlich, wenn man den Botschafter schon als jungen Dritten Sekretär gekannt und freundschaftlichen Kontakt mit ihm und seiner Familie gepflegt hat.

Dieser gute Kontakt führt aber nicht zu einem ‑ wie man in Köln sagt ‑ Klüngel, bei dem die Grenzen der Aufgaben und Verantwortlichkeiten verwischt werden. Doch haben wir den Eindruck, dass unsere Arbeit von irischer Seite durchaus geschätzt wird und unsere Ansichten zumindest mit Interesse aufgenommen werden. Auch nach dem Umzug der irischen Botschaft nach Berlin besteht dieser gute Kontakt weiter.



Wer kann bei uns mitmachen?

Mittun kann jeder, dem es in unserem Kreis gefällt. Wichtig für die Vorstandsarbeit im Besonderen ist die Bereitschaft, persönliche Freizeit zu opfern, um die Gesellschaft in Schwung zu halten. Man muss schon etwas Zeit investieren; der persönliche Kontakt nach Irland ist natürlich sehr nützlich. In Irland Leute zu haben, die bereit sind, etwas für einen zu tun, die wiederum Leute kennen, die Leute kennen ... Alle, die ein wenig mit Irland vertraut sind, wissen, wie man hier Geschäfte macht und Dinge organisiert. Auf der persönlichen Schiene läuft eben vieles, was offiziell nicht oder nur schwer geht. Dabei ist klar: je länger man „im Geschäft ist“, um so mehr Beziehungen hat man, um so erfolgreicher kann man arbeiten.

Damit sind Dinge möglich, die sonst kaum zu bewerkstelligen wären:

Zum Beispiel: Ein kleiner Festakt mit deutschen Schülerinnen am Vorabend der deutschen Vereinigung im Foreign Office in Dublin mit irischen Diplomaten. Ein Empfang durch den Lord Mayor von Derry im Rathaus der Stadt und ein Gespräch mit dem Bischof in seinem Haus. Ein Besuch mit Empfang in der National Library in Dublin für eine Delegation der Deutsch-Irischen Gesellschaft und viele andere interessante Begegnungen, die sich nur auf der persönlichen Ebene organisieren lassen.



Was sind unsere Ziele für die nahe Zukunft?

Neben der Fortsetzung der bisherigen Arbeit möchten wir versuchen, auch Nordirland stärker in unsere Arbeit mit einzubeziehen. Dabei denken wir weniger an eine permanente Diskussion des Nordirlandproblems, sondern daran, in Deutschland mehr bewusst zu machen: auch Nordirland ist Irland, beide Gruppen der Bevölkerung sind Iren. Wir sollten mehr in die nördlichen Grafschaften fahren, nicht um zu belehren, sondern um einfach Menschen aller gesellschaftlichen Richtungen offen zu begegnen. Damit könnten wir vielleicht ein klein wenig dazu beitragen, dass die Gruppen nicht immer nur das Trennende betonen, sondern mehr ihre Gemeinsamkeiten erkennen.



Zum Schluss einige Gedanken darüber, was deutsch-irische Gesellschaften leisten können:

Sie sollten sich auf den Feldern betätigen, die von staatlichen und halbstaatlichen Institutionen, großen Wirtschaftsunternehmen oder der Unterhaltungsindustrie nicht wahrgenommen werden oder auch nicht wahrgenommen werden können. Wir müssen Nischen suchen, die wir sinnvoll besetzen können. Deutsch-irische Gesellschaften haben weder die Mittel noch das Personal ‑ und auch nicht die Aufgabe oder gar das Recht ‑ irische Public Relations Arbeit zu leisten. Wir sollten die Aufgaben wahrnehmen, die wir jeweils in unserer Gesellschaft für wichtig halten und leisten können. Denn die deutsch-irischen Gesellschaften sollen für ihre Mitglieder nicht zu einer Belastung werden, sondern eine schöne Nebensache bleiben, die uns bei allem Einsatz viel Freude machen. Wenn wir dann noch den deutsch-irischen Beziehungen nützen: um so besser!

Impressum

Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Präsident der Deutsch Irischen Gesellschaft Bonn e.V.

Für inhaltlich Fragen, Anregungen, Kritik schicken Sie bitte eine Email an info@deirge-bonn.de

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